2016-09-02 10:00

Tamangur – ein Stück vom Paradies

Der God Tamangur, zuhinterst im Unterengadiner Val S-charl gelegen, ist weit mehr als ein Wald. Er ist der höchst gelegene zusammenhängende Arvenwald Europas und dazu ein Symbol der Rätoromanen.

  • loading indicator

  • Daniel Fleuti

«Di’m est tü amo qua? Tü bös-ch da ­Tamangur. Il vent t’ha sdarlossà. E tegn nun hast ninglur. Eu sun e stun e nu ­bandun. Eu nu dun loc, poust ­vaira. N’ha vis e sa cha minch’inviern fa lö a prümavaira.» «Sag mir bist du noch da, du Baum von Tamangur? Der Wind hat dich zerzaust, und nirgends find’st du Halt. Ich bin und steh und weiche nicht, ich hab’s erlebt und weiss. Ich geb nicht nach – wirst seh’n: Noch jeder Winter macht’ dem Frühling Platz.»

Der Song «Il bös-ch rumantsch – der romanische Baum» ist weit mehr als eine Liebeserklärung des Liedermachers Linard Bardill an den God Tamangur, Europas höchstgelegenen zusammenhängenden Arvenwald. Der Text, der auf ein Gedicht von Madlaina Stuppan zurückgeht, verkörpert den Kampf der Rätoromanen ums Überleben ihrer Sprache und Kultur.

Ein Symbol für Stärke

Und wer könnte diesen Kampf besser symbolisieren als der God Tamangur? Der Wald steht für Stärke, Hartnäckigkeit und Überlebenswille. Er trotzt Wind und Wetter und arrangiert sich mit den extremen Temperaturschwankungen, die zuhinterst im Val S-charl auf 2200 Metern über Meer herrschen: Im Sommer wird es angenehm warm, im Winter nicht selten minus dreissig Grad und weniger.

Bis zu 800 Jahre alt

Und so stehen sie da, die knorrigen Baumgestalten von Tamangur; knorrig, zerzaust, struppig und vom Wetter gezeichnet, in stoischer Ruhe, als ginge sie der Lauf des Lebens nichts an. Einige zählen 800 Jahrringe und mehr, andere haben den Lebenskreis vor langer Zeit geschlossen und dienen der Waldgemeinschaft als Totholz, das sich wegen seines hohen Säuregehalts und des trockenen Klimas nur sehr langsam zersetzt.

Schriftsteller und Fotografen verzaubert

Kein Wunder verzaubert der God Tamangur Musiker, Schriftsteller, Fotografen und Künstler – und unzählige Wanderer auf ihrem Weg vom Val Müstair ins Val S-charl. Der höchstgelegene Arvenwald Europas kann nämlich nur zu Fuss besucht werden.

Ausgangspunkt der Wanderung ist entweder der Ofenpass oder das kleine Dorf Lü. Wir entscheiden uns für Lü, wie der God Tamangur ein Unikat. Auf einer Sonnenterrasse auf 1920 Metern über Meer gelegen, gehört es zu den höchsten ganzjährig bewohnten Ortschaften Europas.

Engadinerhäuser prägen das Dorfbild

Ein spätmittelalterliches Kirchlein, ein altes Gasthaus und eine Handvoll verzierter Engadinerhäuser prägen das Dorfbild, dazu gesellt sich das Alpine Astrovillage, das Zentrum für Himmelsbeobachtungen und -fotografie. Es profitiert davon, dass Lü am Ende der Welt liegt und Lichtverschmutzungen hier kein Thema sind. Zudem beschert das trockene Klima den Sternguckern manch wolkenlose Nacht.

Eine schicksalhafte Nacht

Wir erfreuen uns bei Tag am blauen Himmel und ziehen los Richtung Alp Champatsch. Kurz nach Lü fällt uns ein einziges, freistehendes Haus auf. Es ist alles, was von Lü Daint nach dem Lawinenwinter 1951 übrig geblieben ist. Am 21. Januar donnerten gewaltige Schneemassen zu Tal, vier Menschen und viele Tiere fanden den Tod. Eine Gedenktafel erinnert an die schicksalhafte Nacht.

Irgendwie schauert uns, wie wir kurz darauf in den Lärchenwald eintauchen und den Blick schweifen lassen, über die steilen Hänge in die Tiefe und die Felsen in die Höhe. Schön, weitet sich auf der Alp Champatsch die Landschaft wieder und sind Sonne und Aussicht zurück.

Moderater Aufstieg zum Pass da Costainas

Von der gegenüberliegenden Talseite lacht uns der Münstertaler Hausberg Piz Daint entgegen, mit seinen 2968 Metern Höhe ein zäher Wanderbrocken. Unser Aufstieg zum Pass da Costainas ist moderater, wenn auch die Schweisstropfen reichlich fliessen. Abwechslung spenden die unzähligen Blumen am Wegrand: blaue, rosarote, gelbe, weisse, kleine, grosse, frische und welke. Man könnte Stunden damit verbringen, sie zu bewundern und ihre Namen zu bestimmen. Wir begnügen uns mit ihrer Schönheit und stehen bald auf dem breiten Pass.

Vor uns öffnet sich ein reizendes Tal. Moore säumen seinen Grund, über den ein Wildbach munter mäandriert, ein Kranz dunkler Berge säumt seine Ränder, eine Herde Mutterkühe baut die Blumenpracht genüsslich ab.

In der Ferne ist der God Tamangur auszumachen, unser Arven-Märchenwald. Gut, gibt es vorher noch eine Zwischenstation: Die Sennin auf der Alp Astras preist mit verschmitztem Lachen frische Buttermilch und «reifen Bergkäse» an.

Lauschige Plätze

Bei den Tamangur-Arven liesse sich der Rest des Tages verbummeln. Manch eine spendet einen lauschigen Picknickplatz, wo man die Ruhe geniessen, sich von den Baumgestalten verzaubern und vom Tannenhäher erschrecken lassen kann. Ein Blick auf die Karte bereitet der Bummelei ein Ende. S-charl ist noch weit.

Doch der Weg lohnt sich. Er schlängelt zwischen den Arven hindurch, die in Tamangur ihren Lebensraum selbst bestimmen. Der Wald ist geschützt, auf eine Bewirtschaftung wird verzichtet und Tiere weiden nur noch im Randbereich. Das bekommt ihm gut. Trotz des hohen Alters erfreut sich der God Tamangur hoher Vitalität und Dynamik.

Die Clemgia, ein dynamischer Begleiter

Vital und dynamisch ist auch unsere Begleitung für den Rest der Tour. Der Wildbach von vorhin, die Clemgia, ist zurück. Schäumend und lautstark eilt sie S-charl entgegen, wo auch wir hinwollen. Einmal mehr ist die Landschaft wundervoll, und wie wir kurz vor dem Ziel die Füsse im Wasser kühlen, ist das Glück nahezu perfekt. Fehlen nur noch Kaffee und Kuchen. Beides gibt es in S-charl. Ein uriges Dorf, das viel zu erzählen weiss aus der Zeit des Bergbaus. Doch das ist eine andere Geschichte.