2018-12-07 06:00

Das Feigenblatt der Mitsprache

Kommentar

Conradin Knabenhans zur Fahrplangestaltung der SBB.

Dass die Schweizer Eisenbahnen bald nach den Plänen von Philipp Morf und Claudio Büchel fahren, ist unrealistisch. Nicht, weil der Fahrplan ein Hirngespinst wäre. Nein, das Schweizer Kursbuch ist längst ein politischer Kompromiss aller Regionen. Der Knotenpunkt Zürich erhält dabei genauso Platz, wie das Glarnerland oder das Rheintal. Pendlerströme sind zwar ein wichtiges Planungsinstrument, aber auch der Kantönligeist mischt in der Fahrplangestaltung gehörig mit.

Die Ideen von Morf und Büchel haben trotzdem ihre Berechtigung. Sie legen nämlich den Finger auf den wunden Punkt: Die Diskussion über den Fahrplan der Zukunft ist längst zu einer Farce geworden. Wenn im kommenden Frühling die Bevölkerung in der Fahrplanvernehmlassung für 2020/2021 Wünsche anbringen darf, ist nahezu jeder dieser Vorschläge zum Scheitern verurteilt. Wer in Meilen oder Richterswil am Fahrplan schrauben will, tut das gleichzeitig auch am Flughafen, in Winterthur oder im Aargau. Selbst kleinste Verschiebungen von Abfahrtszeiten können das hochkomplexe System kollabieren lassen.

Wenn die Planer schon heute einen Fahrplan von überübermorgen mit konkreten Abfahrtszeiten haben, dann steht die Bevölkerung in dieser Diskussion auf verlorenem Posten. Dass die Bevölkerung auch bei Bus und Schiff mitreden dürfte, ist dann ein schwacher Trost.

Umso wichtiger wäre es, wenn die SBB wenigstens in der Weiterentwicklung der Bahnhöfe mehr Transparenz walten lassen würden. Immerhin sind die Bahnhöfe mehr als nur Haltestellen, sondern vielerorts auch wichtiger Dreh- und Angelpunkt der Zentrumsgestaltung. Dass sich die SBB bei einer Neukonzeption des Bahnhofs Wädenswil oder der Perronverlängerungen in Uetikon hinter Studien verstecken, ist befremdlich. Es mag sein, dass noch nicht alles zu Ende gedacht ist. Aber die Bevölkerung und die Behörden mitdenken zu lassen, würde bestimmt zu besseren Bahnhöfen führen.

zsz.ch

Conradin Knabenhans, Reporter.
Conradin Knabenhans, Reporter.