2016-02-01 08:42

Der Gesundheitsdirektor und der reformierte Glaube

Küsnacht

Was bedeutet es, reformiert zu sein? Diese Frage stand im gestrigen Gottesdienst in Küsnacht im Zen­trum. Pfarrer Andrea Marco Bianca diskutierte sie mit seinem Gast, Regierungsrat Thomas Heiniger (FDP).

Regierungsrat Thomas Heiniger (rechts) diskutiert mit dem Küsnachter Pfarrer Andrea Marco Bianca.

Regierungsrat Thomas Heiniger (rechts) diskutiert mit dem Küsnachter Pfarrer Andrea Marco Bianca.

(Bild: Michael Trost)

  • Andrea Baumann

Eine Entlastung sei es, zu wissen, dass nicht alles in seiner Hand liege. «Das Gefühl, in einer Gemeinschaft aufgehoben zu sein, gibt Gelassenheit und Zufriedenheit. Das ist Gottvertrauen», sagte Regierungsrat Thomas Heiniger (FDP) im gestrigen Gottesdienst der reformierten Kirche Küsnacht. Der Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich referierte für einmal nicht über Spitaltarife oder Ärztezulassungen, sondern darüber, was der christliche Glaube in der Ausprägung der reformierten Konfession für ihn bedeutet.

Anlass dazu, die reformierten Werte und das Reformiertsein überhaupt zu hinterfragen, gaben zwei Jubiläen. Zum einen besteht der «Kirchenbote des Kantons Zürich», der heute unter dem Namen «reformiert» erscheint, seit 100 Jahren. Zum anderen, und wohl von etwas grösserer Tragweite, geht es um das Jubiläum der Reformation schlechthin, wenn es genau genommen auch erst nächstes Jahr ansteht. Vor 500 Jahren, 1517, war es, dass Luther in Wittenberg seine berühmten Thesen gegen den Ablasshandel verkündet und damit die Spaltung der Kirche einleitete.

Heinigers eigenes Panel

Die Feierlichkeiten beginnen aber schon sachte in diesem Jahr, und zwar mit einer Wanderausstellung von sogenannten Panels, Stellplakaten, auf denen unterschiedliche Persönlichkeiten, kirchennahe und -kritische, bekannte und weniger bekannte, das Reformiertsein definieren.

Diese Ausstellung hat die Redaktion von «reformiert» konzipiert, sie ist seit letztem Jahr im ganzen Kanton unterwegs. Eine der präsentierten Persönlichkeiten ist Thomas Heiniger. «Unsere Macht ist begrenzt», steht als Motto über Heinigers Panel, das am gestrigen Gottesdienst als dreizehntes zu der bereits bestehenden Reihe hinzukam. Damit bringt es in verknappter Form das Gottvertrauen des Regierungsrates zum Ausdruck.

Gleichzeitig gewählt

Pfarrer Andrea Marco Bianca wollte im gestrigen Gottesdienst mehr wissen und diskutierte mit Heiniger vor den fast vollen Kirchenbänken über die reformierten Werte. Er hatte Heiniger eingeladen, weil er 2007 zur gleichen Zeit wie dieser in den Regierungsrat in den Kirchenrat gewählt worden war. «Uns verbindet die liberale Haltung», erklärte Bianca.

Toleranz sei für ihn eine typisch reformierte Tugend, sagte der Regierungsrat. «Damit verbinde ich die freie und selbstbewusste Auseinandersetzung.» Bianca übersetzte dies in die Kultur der reformierten Lehre. Diese zeichne sich dadurch aus, dass sie keine Dogmen habe, jedes einzelne Gemeindemitglied mache die Kirche aus.

«Das heisst aber auch, dass nicht alle die gleichen Werte haben», erklärte Bianca. So identifiziere er selber das Reformierte mit dem Begriff Cooperatio, dem Zusammengehen von Gott, der Gemeinschaft und dem Ich. Hierbei war er aber dem Motto von Heiniger wieder nah. Dieser hatte das erleichternde Gefühl, nicht für alles selber zuständig sein zu müssen, mit dem Wissen um ein gut funktionierendes soziales Netz und dem Vertrauen in Gott verknüpft.

Ruhe finden

Der Gesundheitspolitiker zeigte zudem auf, dass der Glaube wichtig für das Seelenheil sei – und damit für die Gesundheit. «Im Glauben erfahren wir Glück, Kraft und Vollkommenheit», sagte er. Er, der sich selber nicht als regelmässigen Kirchgänger bezeichnet, erläuterte, dass er dieses Gefühl in ruhigen Momenten in einem Dom oder in einer Bergkapelle erfahre. «Aber auch im Alltag gehe ich immer wieder in mich und finde so zur Ruhe», sagte er. Pfarrer Bianca sah darin den Beweis, dass der Glaube an jedem Ort gelebt werden kann und soll. Glaube brauche keine Kirche und auch keinen Pfarrer als vermittelnde Person, nannte er ein weiteres Charakteristikum der reformierten Konfession. «Glaube soll als alles umfassendes Gefühl erfahren werden, ähnlich dem Gefühl, das man ge­gen­über der Heimat empfindet.»

Wo Kirche und Politik aufeinandertreffen, stellt sich die Frage, wie weit sie sich beeinflussen, ja einmischen sollen. «Es geht bei beidem um die Gesellschaft und das Leben», sagte Heiniger. Der FDP-Politiker unterstrich hier erneut die Toleranz als zentralen Wert. Bianca unterstützte seine Haltung insofern, als dass er die Aufgabe der Kirche in der politischen Diskussion im Aufrechterhalten der christlichen Werte sehe, nicht aber etwa darin, parteipolitische Empfehlungen zu Abstimmungen und Wahlen zu geben.

Zürichsee-Zeitung